Warum nehmen wir “Notschlachtungen” als besonders tragisch wahr?

Die Dürre und die daraus resultierende Heuknappheit sind für Tiere eine Katastrophe. Aber die Berichterstattung über „Notschlachtungen“ verdient einen differenzierteren Blickwinkel.
„Hitze ruiniert die Ernte: Mußten Tiere schlachten.“ – Solche Schlagzeilen vermitteln das Bild: Die armen Landwirte müssen ihre Tiere “notschlachten” – Tiere, die unter normalen Bedingungen glücklich weiterleben dürften.
Doch so einfach ist es nicht.
Natürlich ist es tragisch, wenn Tiere wegen Futtermangel, Wassermangel oder extremer Hitze leiden. Das Leid der betroffenen Tiere wollen wir unter keinen Umständen klein reden! Aber wir sollten uns fragen: Warum nehmen wir diese Schlachtungen der Tiere plötzlich als besondere Tragödie wahr?
Sogenannte “Nutztiere” werden nicht gehalten, damit sie lange, geschweige denn, glücklich leben. Sie werden gehalten, weil Menschen Milch, Eier und Fleisch konsumieren wollen. Wenn ihre wirtschaftliche Leistung nachläßt, endet ihr Leben immer am Schlachthof!
Bei Milchkühen bedeutet das: Sobald die Milchleistung nachläßt oder sie nicht mehr schwanger werden können, werden Kühe geschlachtet – das ist meist mit ungefähr 5-6 Jahren. Das gleiche Spiel auch bei Hennen: Sobald die Legeleistung nachläßt, also bei der natürlichen jährlichen Mauser, werden Hennen ebenfalls getötet, egal ob bio oder konventiell. Sobald ein Schwein genug gemästet wurde – also nach nur knapp 6 Monaten Lebenszeit! -, wird es zu einem Schnitzel verarbeitet.
Die Dürre verändert vor allem den Zeitpunkt. Und genau hier beginnt unsere Kritik an den Berichterstattungen: Es wird der Eindruck erweckt, als würde ein grundsätzlich “fürsorgliches” System zum Töten “gezwungen” werden. Doch Nein! Das Töten von Tieren ist kein Ausnahmefall der Nutztierhaltung. Es ist Bestandteil dieses Systems – besser gesagt: das Töten trägt dieses System und macht es erst möglich.
Unser Problem ist ein System, in dem fühlende Lebewesen wirtschaftlich bewertet werden und ihr Weiterleben davon abhängt, ob sie noch genügend Milch geben, genügend Eier legen oder genügend Fleisch ansetzen.
Es geht nicht nur darum, wann ein Tier stirbt. Es geht darum, warum wir es überhaupt für normal halten, daß ein fühlendes, angst- und schmerzempfindendes Leben von wirtschaftlicher Leistung abhängt. Eine Henne, die weniger Eier legt, sollte nicht als wertlos betrachtet werden – denn sie kann genau so fühlen und Freude empfinden. Eine Kuh hört nicht auf, ein fühlendes Lebewesen zu sein, nur weil ihre Milchleistung sinkt.
Was sich ändern muß, ist nicht nur der Zeitpunkt des Todes. Wir müssen darüber sprechen, warum der Tod von empfindungsfähigen Tieren in unserem Leben überhaupt als selbstverständlich gilt!


